Aktuelles: Botox
   
       
  Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 09.11.2009

Nix für die Party, nützlich für die Medizin.
Therapie Botox hat eine fast schon unheimliche Karriere hingelegt: Das Medikament hat ein Doppelgesicht.
Von Wolfgang Borgmann

Es gibt sie tatsächlich, die Botox-Partys als Werbung. Da berichtet ein medizinischer Späher kopfschüttelnd von einer Werbeaktion in einem Modegeschäft einer süddeutschen Großstadt, in dem, so ist zumindest zu hoffen, ein Arzt mit Botoxflasche und Injektionsspritze umhergeht und den bequem in Sesseln sitzenden Kunden für jeweils 100 Euro mit einigen Piksern die Stirn zu glätten verspricht. Wer das als seriöser Mediziner hört oder liest, dem kann es dabei nur die Zornesfalten auf die Stirn treiben.

Tatsächlich ist die hundertjährige Karriere des Eiweißproduktes mit dem am weitesten verbreiteten Handelsnamen Botox (Wirkstoff Botulinumtoxin) ein Beispiel dafür, wie eine hundertjährige Therapie zur Mode werden kann.

Dabei genügt schon ein kurzer Blick auf die Geschichte von Botulinumtoxin, dass es ursprünglich rein gar nichts mit Kosmetik zu tun hatte. Das vom Bakterium Clostridium Botulinum hergestellte Toxin gilt als eines der stärksten Gifte in der Natur, und entdeckt wurde seine hochgefährliche Wirkung in verdorbenen Fleischprodukten. Beschrieben wurde seine Wirkung zum ersten Mal 1822 von dem aus Ludwigsburg stammenden Arzt und Dichter Justinus Kerner. Einerseits löst es in bereits kleinen Mengen eine Lebensmittelvergiftung aus (Botulismus), andererseits kann es auch schon in allerkleinsten Mengen eine therapeutische Wirkung entfalten.

Heute sind bereits mehr als hundert medizinische Anwendungen beschrieben - doch Schlagzeilen macht es vor allem als kosmetischer Faltenglätter. "Wahrscheinlich handelt es sich um den häufigsten Eingriff bei ästhetischen Behandlungen", erklärt der Freiburger Klinikchef Björn Stark. Er ist Leiter der plastischen und Handchirurgie am Universitätsklinikum Freiburg und Chef der ebenfalls in Freiburg betriebenen privaten Lexer-Klinik für ästhetische Chirurgie. Stark warnt ganz eindeutig davor, die Möglichkeiten einer kosmetischen Botox-Therapie zu überschätzen und deren Risiken zu unterschätzen.

Und er macht außerdem mit Nachdruck darauf aufmerksam, dass erst die rein medizinischen Anwendungen entdeckt und verwertet worden sind, bevor die Schönheitschirurgie auf das Mittel aufmerksam wurde.

Und tatsächlich, so zeigen Nachforschungen, kann Botox für oft schwer geprüfte Patienten ein Segen sein. Etwa in der Neurologie, der Augenheilkunde, im Hals-Nasen-Ohren-Bereich, in der Orthopädie und auch in der Urologie. Einige Anwendungen sind schon seit Jahren erprobt, andere werden noch getestet, so zum Beispiel zur Behandlung von bestimmten Migräneformen, die durch Muskelverspannungen ausgelöst werden. Dagegen sind die vertretbaren ästhetischen Einsatzorte nach Angaben von Fachleuten allerdings eher begrenzt.

Botulinumtoxin A wird zum Beispiel seit Jahren, so berichtet der Stuttgarter Augenarzt Zoltan Simon, als zugelassenes Medikament zur Entspannung von Muskelverkrampfungen im Bereich der Augen, beim Lidkrampf und anderen spastischen Muskelverkrampfungen eingesetzt. Eine Zulassung für einige Schönheitsoperationen gibt es dagegen erst seit relativ kurzer Zeit. In beiden Fällen folgt Botox der alten Erkenntnis in der Medizin, dass die Dosis die Wirkung ausmacht. Ein Gift, das schon in kleinsten Mengen tödlich sein kann, wird in einer harmlosen Variante mit nur einigen Eiweißen des ursprünglichen Bakterieneiweißes in hochgereinigter Form und in extremer Verdünnung verwendet. Doch selbst dann ist es noch nicht harmlos und gehört immer nur in die Hände von ausgewiesenen Fachärzten.

Das Wirkprinzip ist ziemlich einfach: Botulinumtoxin unterbindet die Signalkette zwischen Nerv und Muskel. Spritzt man an genau bezeichneten Stellen, so kann der Muskel nicht mehr angespannt werden. So wirkt Botox sowohl bei spastischen Krämpfen im Gesicht als auch bei unerwünschten Stirnfalten, die durch Muskelanspannung entstehen. Dabei übt Botox diese Wirkung nur vorübergehend aus, und die Injektionen müssen in größeren Abständen wiederholt werden. Das ist einerseits gut, weil der Wirkstoff sich nicht dauerhaft im Körper einlagert, aber dafür ist die Wirkung auch nicht von Dauer. Botox ist in der Tat von Eigenschaft und Wirkung her ein Medikament mit vielen Facetten.

Wenn man der Spur der rein medizinischen Anwendung folgt, dann begreift man in den Gesprächen mit Fachleuten sehr schnell, wie hilfreich dieser Giftabkömmling sein kann. So berichtet Chefarzt Stark von dem Krankheitsbild des "nervösen Schiefhalses", wenn sich einer der Halsmuskeln zusammenzieht.

Oder von erworbenen oder durch Unfall verursachten einseitigen Gesichtslähmungen, bei denen durch Botox-Injektionen die Symmetrie wieder gebessert werden kann. Oder von Spasmen in der Hand, die durch Botox-Therapie vorübergehend zum Stillstand gebracht oder zumindest gemildert werden können. Diese sichtbaren Erkrankungen bedeuten für die Patienten einen tiefen Einschnitt in ihr Alltagsleben. Umso dankbarer sind sie für Erleichterungen, die Botox bringen kann.

Der Stuttgarter Hals-Nasen-Ohren-Fachärztin Gisela Jaeck sind seit ihrer Zeit am Stuttgarter Klinikum beispielsweise Krankheitsbilder vertraut, die für Patienten ebenfalls sehr belastend sein können. Dazu gehören Stimmstörungen durch Muskelverspannungen im Kehlkopfbereich, erhöhte Speichelbildung nach einer Operation an der Speicheldrüse bis hin zu dem "äußerst stigmatisierenden" Speichelaustritt über die Wange nach einem Eingriff an der Ohrspeicheldrüse. Auch in diesen Fällen könne Botox, so berichtet die Fachärztin, zeitweise Entlastung bringen. Seit einiger Zeit habe sie außerdem auch durchaus "hoffnungsvolle Ansätze" bei der Behandlung von Spannungskopfschmerzen und bei Migräne gesehen.

Wer sich fragt, warum Botox als "Faltenglätter" fast jedem bekannt ist, nur wenigen aber als hilfreiche medizinische Therapie, dem kann der nüchterne Erklärungsversuch eines langgedienten Praktikers Anlass zum Nachdenken geben: "Die Industrie ist marktorientiert und kann an spastischen Kindern nichts verdienen."


Zurück zur zuletzt besuchten Seite